PDF/UA-1 unter der Lupe – Teil 10: Der PDF/UA-Identifier

Der PDF/UA-Standard verlangt das Setzen des sogenannten PDF/UA-Identifier. Dabei handelt es sich um eine XMP-Datei, die einem PDF angehängt werden kann. Sie soll Software – z.B. Assistiven Technologien wie Screenreader – darüber informieren, wenn es sich um ein PDF/UA-konformes Dokument handelt. Die Software soll das PDF dann entsprechend behandeln. Wie das konkret in der Praxis aussieht oder sich auswirkt, kann derzeit nicht gesagt werden. Die am häufigsten verwendeten Screenreader JAWS und NVDA etwa behandeln PDF-Dokumente gleich – unabhängig davon, ob der Identifier vorhanden ist oder nicht.

Kompatibilität der Anforderung in WCAG 2.0, BITV 2.0 und PDF/UA-1

Der PDF/UA-Identifier kann aus den WCAG 2.0 oder der BITV 2.0 nicht abgeleitet werden. Da die Europäische Richtlinie 2016/2102 auf den europäischen Standard EN 301549 setzt und dieser wiederum auf die WCAG 2.0 lässt sich auch hier keine Verbindlichkeit ableiten. Dies würde allenfalls als Analogie dann gehen, wenn ein Erfolgskriterium einen Doctype vorschreiben würde oder eine Konformitätsbedingung bei Fehlen des PDF/UA-Identifier verletzt wäre. Das Erfolgskriterium 4.1.1 „Parsing“ (Syntaxanalyse) spricht zwar einige formale Kriterien an, aber verlangt weder eine vollständige Konformität zu einem Standard noch das Setzen eines Doctypes. Dies ist letztlich auch vernünftig, denn nicht alle formalen Verstöße gegen einen bestimmten Standard (z.B. nicht ganz konform mit HTML 5.2) wirken sich tatsächlich auf die konkrete Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen aus. Die vollständige Konformität zu einem Standard ist zwar eine mögliche Technik, aber sie ist umgekehrt kein Fehler.

Bewertung und weitere Überlegungen

Eine Verbindlichkeit von PDF/UA-1 hätte – auch zusammen mit Aspekten, die im achten Teil und neunten Teil dieser Serie angesprochen wurden – weitreichende Folgen für die tägliche Praxis und zwar für jeden Ersteller von PDF-Dokumenten – selbst für die einfachsten PDF, wie z.B. Pressemeldungen. Für PDF-Dokumente, die in Word oder Libre Office entstehen, müsste der Identifier entweder händisch nachträglich über Acrobat Pro DC eingefügt werden oder es muss eine weitere zusätzliche Software gekauft werden, die dies automatisch bei der Konvertierung erledigt. Man hat aber zum derzeitigen Stand kein erkennbares Problem der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen gelöst oder zur konkreten Verbesserung der Barrierefreiheit beigetragen.

Wird in einem Test mit einem automatisierten Prüfwerkzeug wie dem PAC 2.0 oder 3.0, der PDF/UA-Prüfroutine des Commonlook PDF Validator oder der spezifischen PDF/UA-Testoption in Adobe Acrobat DC festgestellt, dass der Identifier fehlt, dann kann dies nicht einem Prüfergebnis nach WCAG 2.0 und der europäischen Richtlinie 2016/2102 zugeschlagen werden. Dass einzige, was ein solcher „Fehler“ in einem Bericht bedeutet, ist: PDF/UA wurde nicht angewandt – nicht mehr und nicht weniger. Da PDF/UA-1 weder in Deutschland noch gemäß der Europäischen Richtlinie gefordert wird kann ein fehlender PDF/UA-Identifier leztlich weder in die eine noch die andere Richtung in ein Prüfergebnis gemäß der Europäischen Richtlinie und/oder WCAG 2.0 einziehen.

In den PDF-Techniken werden mit Stand seit spätestens November 2016 (dem Techniken-Update, mit welchem der PAC 2.0 aus der Liste entfernt wurde, siehe Webarchiv) im Abschnitt „Accessibility Checking and Repair“ zwei Prüftools genannt:

  • Die Barrierefreiheitsprüfung in Aobe Acrobat Pro (nicht zu verwechseln mit der spezifischen PDF/UA-Prüfung) und
  • Die Prüfung mit dem Commonlook PDF Validator, der auch eine Routine für WCAG 2.0 enthält.

Prüfwerkzeuge wie der PAC 2.0 und 3.0, die PDF/UA-Prüfroutine des Commonlook PDF Validators und die unter „Pre Flight“ zu findende PDF/UA-Prüfung können zwar hilfreiche Werkzeuge sein. Da aber WCAG 2.0 und PDF/UA nicht deckungsgleich sind, eignen sie sich nur eingeschränkt als Nachweis für die Konformität einer PDF-Datei mit den WCAG 2.0 bzw. als Nachweis dafür, dass ein PDF nicht konform mit den WCAG 2.0 sei.