PDF/UA-1 unter der Lupe – Teil 2 – Überschriften und Beschriftungen

Überschriften leiten Themen oder Abschnitte ein; Beschriftungen geben Informationen über einen Inhalt. Sowohl Überschriften als auch Beschriftungen geben wichtige Informationen über die Inhalte. Davon zeugen unter anderem zahlreiche Anleitungen im sowohl universitären wie nicht-universitären Kontext. Dieser Teil der Artikelserie „PDF/UA-1 unter der Lupe“ befasst sich mit Überschriften und Beschriftungen jenseits ihrer bloßen Identifizierbarkeit auf struktureller Ebene.

Warum eigentlich Überschriften?

Überschriften fungieren insbesondere in langen Dokumenten als visuell-inhaltliche Anker. Sie können aufgrund anderer Farbgebung, anderer Schriftart, an der Schriftgröße, an Abständen zum vorherigen bzw. folgenden Texten oder Kombinationen davon erkannt werden. Vor allem bei langen Texten scannen Menschen oft zunächst die Überschriften, um zu entscheiden, ob man einen Text vollständig lesen will oder um sich einen Überblick über den Inhalt zu verschaffen.

Sowohl in HTML-Dokumenten als auch PDF-Dokumenten werden Überschriften über entsprechende Elemente bzw. Tags ausgezeichnet. Sie können dann von Maschinen erkannt und ausgelesen werden. Dies ermöglicht Screenreader-Nutzern das direkte Anspringen von Überschriften mit der H-Taste sowie das Navigieren eines Dokuments von Überschrift zu Überschrift. Auch blinde Nutzer können dann ein Dokument scannen, um sich einen Eindruck über dessen Inhalt zu verschaffen. Dies funktioniert umso besser, je aussagekräftiger Überschriften sind. Das Einleiten von Sinnabschnitten durch möglichst aussagekräftige Überschriften ist für jeden Leser wichtig, denn letztlich kommt es auf die Inhalte an und ist aus mehreren Gründen auch für die Barrierefreiheit wichtig. Daher fand dieser Aspekt Einzug in die Web Content Accessibility Guidelines 2.0 (WCAG 2.0).

Überschriften in WCAG 2.0 und BITV 2.0

Die WCAG 2.0 arbeiten bei Überschriften mit einem mehrstufigen Modell. Während das Erfolgskriterium 1.3.1 (Konformitätsstufe A) auf die Strukturebene abzielt, setzt das Erfolgskriterium 2.4.6 (Konformitätsstufe AA) einen inhaltlichen Schwerpunkt:

2.4.6 Headings and Labels: Headings and Labels describe topic or purpose (Level AA)

Neben Überschriften und Zwischenüberschriften von Texten adressiert das Erfolgskriterium 2.4.6 Tabellenüberschriften sowie Spalten- und Zeilenüberschriften von Datentabellen sowie Beschriftungen.

Beschreiben Überschriften Thema bzw. Zweck, dann – dies ist der Grund für das Erfolgskriterium in den WCAG 2.0 – profitieren nicht nur blinde Nutzer, sondern auch Nutzer mit schlechtem oder begrenztem Kurzzeitgedächtnis sowie Menschen, die aufgrund einer kognitiven Einschränkung langsamer lesen. Die WCAG 2.0 nennen außerdem stark sehbehinderte Menschen mit starkem Vergrößerungsbedarf. Auf Konformitätsstufe AAA werden „Section Headings“ verbindlich gefordert.

Dieses Überschriften-Modell der WCAG 2.0 kann wie folgt beschrieben werden:

  • Vorhandene Überschriften sind strukturell als solche definiert und vermitteln die Beziehung der Inhalte zueinander (Erfolgskriterium 1.3.1, Stufe A)
  • Vorhandene Überschriften sind strukturell als solche definiert, vermitteln die Beziehung der Inhalte zueinander und beschreiben Thema oder Zweck zugeordneter Inhalte (Erfolgskriterium 1.3.1, Stufe A und Erfolgskriterium 2.4.6, Stufe AA)
  • Zwischenüberschriften, die Thema oder Zweck zugeordneter Inhalte beschreiben, sind vorhanden, werden strukturell als solche definiert sind und die Beziehung zueinander wird vermittelt (Erfolgskriterium 2.4.10, Stufe AAA, Erfolgskriterium 2.4.6, Stufe AA, Erfolgskriterium 1.3.1 Stufe A)

Die deutsche BITV 2.0 sieht verbindliche Zwischenüberschriften für die meisten Dokumente nicht mehr vor, sondern nur noch für sogenannte zentrale Einstiegs- und Navigationsangebote vorgesehen. Ein PDF-Dokument ist dies regelmäßig nicht. Jedoch sieht die BITV 2.0 durchaus vor, dass wenn Überschriften vorhanden sind, diese sinnvoll sein müssen:

„Bedingung 2.4.6 Beschreibungen. Überschriften und Label (Beschriftungen) kennzeichnen das Thema oder den Zweck.“

Weitere Vorteile sinnvoller Überschriften und Zwischenüberschriften

In allen Formaten, in denen Überschriften ausgezeichnet werden können, kann aus diesen ein Inhaltsverzeichnis erstellt werden. Wir kennen eine solche Funktion etwa aus der Textverarbeitung. Typische Beispiele für HTML finden sich in der Wikipedia, wo vor jedem Artikel und generiert aus den Überschriften ein Inhaltsverzeichnis gestellt ist. Dieses fungiert zugleich – da es Links sind – als Navigationsmöglichkeit. In PDF-Dokumenten können auf Basis der Überschriften Lesezeichen erstellt werden. Sie erleichtern das Navigieren in vor allem großen Dokumenten für viele Leser, insbesondere für Menschen mit kognitiven und motorischen Einschränkungen. Während blinde Leser erweiterte Navigationsmöglichkeiten ihres Hilfsmittels verwenden (können) und über die H-Taste von Überschrift zu Überschrift springen können, stehen solche Möglichkeiten anderen Nutzern meist nicht zur Verfügung. Lesezeichen in PDF-Dokumenten sind daher ein weiterer Zugang zu den Inhalten, der umso besser funktioniert, desto eindeutiger Überschriften sind. Verschiedene Zugangswege werden in WCAG 2.0 im Erfolgskriterium 2.4.5 (Konformitätsstufe AA) adressiert bzw. in der BITV 2.0 in der entsprechenden Bedingung.

PDF-Lesezeichen generiert aus Überschriften: Vorwort, Einleitung, Kapitel 1, Kapitel 2, Kapitel 3, Schluss, Kontakt
Negativbeispiel: Zweck bzw. Inhalt einiger Kapitel sowie „Kontakt“ nicht eindeutig.

Wenngleich es hier nicht um den sprachlichen Aspekt geht, so kann doch gesagt werden, dass je besser die Überschriften inhaltlich sind, desto besser gelingt das direkte Navigieren zu einem bestimmten Inhalt und ein Verstehen dessen, was ein Dokument inhaltlich bietet. Unklare Überschriften und entsprechend auch Lesezeichen wären etwa, wenn Überschriften lediglich „Kapitel 1“, „Kapitel 2“, „Kapitel 3“ lauten würden.

Ein Beispiel dafür, wie verschiedene Erfolgskriterien der WCAG 2.0 (und der BITV 2.0) miteinander korrespondieren und sich wechselseitig ergänzen.

Überschriften in PDF/UA-1

Im Unterschied zu den WCAG 2.0 wird in PDF/UA-1 lediglich gefordert, dass Überschriften korrekt getaggt sein müssen. Überschriften und Zwischenüberschriften können nach PDF/UA-1 also „irgendwie“ formuliert sein. Ihr einziger Zweck besteht nach PDF/UA-1 darin, eine logische Hierarchie herzustellen. Zahlreiche aus PDF/UA-1 abgeleitete Fehlerbedingungen für Überschriften befinden sich im Matterhorn-Protokoll. Keine einzige geht auf die inhaltliche Ebene ein. Dies ist kein Fehler des Matterhorn-Protokolls, denn die inhaltliche Ebene wird in PDF/UA-1 nicht gefordert und kann daher in abgeleiteten Fehlerlisten nicht zu einem Fehler werden. Auch für Tabellenüberschriften sowie Spalten- und Zeilenüberschriften und Beschriftungen verlangt PDF/UA-1 nur korrekte Tags.

Beschriftungen

Auch Beschriftungen sollen Thema oder Zweck vermitteln. Beschriftungen, die sich oft in PDF-Dokumenten finden – insbesondere in Broschüren oder auch Jahresberichten – sind Bildunterschriften (nicht zu verwechseln mit Alternativtexten). Welche Aspekte können hier relevant werden?

Ein durchaus heikles Thema können Bildunterschriften von Grafiken und Tabellen werden. Nicht selten der Fall, dass im PDF-Dokumenten Tabellen als Schriftgrafiken vorhanden sind. Verwirrend kann das für Screenreader-Nutzer dann werden, wenn diese als „Tabelle 1…“, „Tabelle 2 …“ beschriftet sind und aus dem Fließtext heraus in dieser Form referenziert werden, denn Screenreader kündigen keine Tabelle an, sondern ein Bild. Die Bildunterschrift „Tabelle“ passt dann nicht zum Inhalt, wie er Screenreader-Nutzern angesagt wird.

Auch der umgekehrte Fall ist denkbar. Diagramme werden häufig als Kombinationen aus Pfaden und Texten umgesetzt. Wenn man nun die Zahlen bereits hat, warum dann nicht diese in Tags für Datentabellen gießen und damit quasi den Urzustand des Datenmaterials herstellen, denn Diagramme waren ohnehin vorher meist Datentabellen. Selbstverständlich ist dies gerade bei der Nacharbeitung eine ziemliche aufwändige Angelegenheit, aber durchaus eine Option, Inhalte auf bestmögliche Art und Weise zu vermitteln.

Tagbaum: Datentabelle beschriftet als "Grafik 2 ...".
Beispiel einer nicht-korrekten Beschriftung. Datentabelle als „Grafik 2: …“ beschriftet.

Existiert jedoch eine Beschriftung und lautet diese etwa „Grafik 2…“, dann korrespondiert die Beschriftung nicht mehr mit dem über das Taggen entstandenem Ergebnis. Dieser Fall ist ein Beispiel dafür, dass Accessibility mit einem Konzept darüber beginnt, wie Inhalte bestmöglich präsentiert (und ausgezeichnet) werden sollen.

In beiden Fällen wäre auch eine Hinterlegung eines alternativen Textes keine adäquate Lösung, denn Abbildungen und Tabellen werden – wie auch in diesem Beispiel – sinnvollerweise nummeriert. Würde man einen Alternativtext wie „Tabelle 1“ hinterlegen, dann würde dieser blinden Lesern angesagt. Der Inhalt wäre dann nur noch schwer zu finden. Auch würden sich weitere Verständnisschwierigkeiten dadurch ergeben, wenn aus dem Text heraus „Grafik 2…“ referenziert würde.

Überlegungen dieser Art, die sich auf Accessibility und Usability positiv auswirken (können), müssen nach PDF/UA-1 nicht angestellt werden. Denn wie bei Überschriften ist bei Beschriftungen nach PDF/UA-1 ausreichend, wenn sie richtig getaggt sind und für Bildunterschriften also das Caption-Tag verwendet wird. Gleiches gilt für Tabellen- sowie für Spalten- und Zeilenüberschriften.

Kompatibilität WCAG 2.0, BITV 2.0 und PDF/UA-1

Wie bereits bei dem Thema „Kontraste“ wird hier im letzten Abschnitt ein Blick auf die formale Kompatibilität geworfen: Sind in einem PDF-Dokument Überschriften oder Beschriftungen oder Zeilen- und Spaltenüberschriften und Tabellenüberschriften korrekt getaggt und vermitteln diese aber nicht Thema oder Zweck oder sind sogar falsch, dann kann das Dokument nur noch WCAG 2.0 auf Konformitätsstufe A erfüllen.

Schon jetzt fängt es sich sozusagen an zu läppern: Überschriften und Beschriftungen können gemäß PDF/UA-1 inhaltlich salopp gesagt „irgendwie“ sein und sie dürfen zudem farblich so schwach sein, dass sie kaum noch erkennbar sind.

Einer explizit-technische ISO-Norm vorzuwerfen, dass weder Design-Aspekte noch redaktionelle Aspekte einbezogen werden, mag kritikwürdig sein. Wenn jedoch PDF/UA-1 nur auf rein-technische Aspekte abstellt, dann kann und sollte PDF/UA-1 nicht die WCAG 2.0 ersetzen. Würde – wie zuweilen konstatiert – für PDF-Dokumente (angeblich) nicht die WCAG 2.0 gelten oder gelten sollen, sondern PDF/UA-1, dann würde ein weiterer wichtiger Aspekt der Barrierefreiheit für viele Nutzer in den Hintergrund rücken. Abgesehen davon, dass dies auch nicht mit dem Europäischen Standard EN 301 549 kompatibel wäre, denn in 9.2.25 wird „Headings and Labels describe topic or Purpose“ (auch) für PDF-Webinhalte und in 10.2.25 für Dokumente, die keine Webinhalte sind verbindlich festgelegt.

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